«RED-S» – ein Interview

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Zuletzt aktualisiert:

10. März 2023

«RED-S», was ist das? Was sollte man beachten, wenn man betroffen ist? Antworten und Tipps findest du hier, im neuesten Interview mit Dr. med. Sibylle Matter Brügger.

RED-S
Dr. med. Sibylle Matter Brügger
Dr. med. Sibylle Matter Brügger

Allg. Innere Medizin FMH, Sportmedizin SEMS, Leiterin Sportmedizin Sports Medical Center Medbase Bern Zentrum. Die ehemalige Triathlon-Olympionikin und Gewinnerin des Ironman Zürich ist heute Chief Medical Officer bei Swiss Triathlon, sowie Verbandsärztin von Swiss Swimming und Swiss Cycling.

1) Was versteht man unter «RED-S»?

«RED-S» steht für «Relative Energy Deficiency in Sports» und bedeutet in deutscher Sprache, dass ein Energiedefizit besteht aufgrund ungenügender Energieaufnahme im Verhältnis zum Energieverbrauch durch den Sport und den Alltag.

In der Regel sind Sportler:innen betroffen, die regelmässig trainieren und häufig über längere Zeit zu wenig Energie aufnehmen. Sie befinden sich dadurch in einem Energiemangel-Zustand.

Wenn sich der Körper über längere Phasen pro Tag und Woche in einem Hungerzustand befindet, hat das langfristig negative Auswirkungen auf viele Körpersysteme. Der Körper versucht in der Folge überall den Energieumsatz zu reduzieren, um überleben zu können.

Sobald wieder genügend Energie aufgenommen wird, können die meisten Prozesse wieder normalisiert werden. Es gibt jedoch Bereiche, wie beispielsweise die Knochendichte oder Teilbereiche des weiblichen Fortpflanzungssystems, die nicht mehr normalisiert werden oder ungenügend entwickelt bleiben können.

a. Wie beeinflusst RED-S den männlichen Hormonspiegel?

Bei den Männern sinkt bei einem RED-S der Testosteronspiegel in Abhängigkeit vom Schweregrad des RED-S ab.

2) Wie kann es zu RED-S kommen?

Eine häufige Ursache ist, dass das Training in kurzer Zeit zu schnell gesteigert wurde oder, dass das Training kontinuierlich gesteigert wurde, aber die Energieaufnahme aus verschiedenen Gründen nicht. Oftmals ist aber auch Stress in anderen Lebensbereichen und die fehlende allgemeine Erholung ein Faktor. Denn Stress von der Schule oder Ausbildung verursacht einen zusätzlichen Energieverbrauch für den Körper.

3) Welche Symptome äussern sich bei einem RED-S?

Sportlerinnen und Sportler, die unter RED-S leiden und sich bei Fachpersonen melden, weisen oft ein fortgeschrittenes RED-S auf. Sie haben beispielsweise einen Ermüdungsbruch, da sie die vorangehenden Warnzeichen des Körpers ignoriert haben oder sie sind sehr abgemagert. Einige werden auch bei Fachpersonen vorstellig, weil sie eine Leistungseinbusse bemerkt haben. Wenn dieser Energiemangel-Zustand länger andauert, führt das zu einer Verringerung der Leistungsfähigkeit.

4) Wie kann man ausschliessen, dass RED-S nicht von einer Essstörung bedingt ist?

Häufig liegt bei einem RED-S eine Essstörung vor. Es ist aber nicht mehr zwingend so, dass diese Diagnose notwendig ist. In der ursprünglichen Bezeichnung von RED-S, «Female Athlete Triad», musste eine Essstörung vorhanden sein, um als solches diagnostiziert zu werden.

Für die anschliessende Therapie ist es jedoch entscheidend, ob auch auf der psychologischen Ebene gearbeitet werden muss. Für die Energiebereitstellung des Körpers an sich spielt es keine Rolle, ob die Sportler:innen eine Essstörung haben oder nicht. Es liegt schlicht zu wenig Energie vor.

Eine Essstörung zu diagnostizieren ist nicht ganz einfach. Das Verfahren beruht auf validierten Fragebögen, welche die betroffene Person ehrlich ausfüllen muss. Es gibt durchaus Athlet:innen, die aufgrund der Anforderungen der Sportart zu wenig Energie aufnehmen und nicht merken, dass sie sich damit schaden. Da keine Essstörung vorliegt, können sie durch geeignete Ernährung schnell wieder aus dem Mangelzustand heraus kommen.

Bei jemandem mit einer Essstörung ist dies schwieriger, da es nicht nur mit einer bewussten Energiereduktion zu tun hat, sondern auch mit einem gestörten Körperbild.

5) Welche Sportler:innen sind besonders von RED-S betroffen?

Das sind häufig Athlet:innen aus Sportarten, die auch unter gewissen optischen Gesichtspunkten beurteilt werden, wie zum Beispiel rhythmische Sportgymnastik, Kunstturnen, Turmspringen und Synchronschwimmen. Bei ihnen ist die Beurteilung leider häufig besser, wenn Sportler:innen dünn sind, obwohl das eigentlich nichts mit der sportlichen Leistung zu tun hat.

Bei Männern ist dies weniger der Fall und beispielsweise ein muskulöser Körperbau wird nicht als negativ wahrgenommen. Häufig kommt RED-S auch bei Sportarten vor, bei denen das Körpergewicht eine entscheidende Rolle spielt, wie etwa beim Langstreckenlauf und beim Bergzeitfahren im Radsport.

Auch Gewichtsklassen-Sportarten wie Rudern, Klettern oder Judo sind betroffen, denn Sporter:innen müssen gewisse Bedingungen erfüllen, wenn sie in einer bestimmten Gewichtsklasse teilnehmen möchten. Beim Skispringen ist eigentlich ein möglichst geringes Körpergewicht von Vorteil. Der Problematik sind dort aber Regeln vorgeschoben. Wenn man einen zu tiefen Body Mass Index (BMI) hat, muss man die Ski verkürzen. Dann entfällt dieser Vorteil.

6) Wird RED-S öfters mit Athletinnen assoziiert?

Ja, es kommt häufiger bei Frauen vor.

7) Welche Vorgehensweise wird bei einem diagnostizierten RED-S empfohlen?

Meist ist dies eine Zusammenarbeit von Sportmediziner:innen, Gynäkolog:innen, Trainer:innen, je nach Alter der Betroffenen auch von den Eltern, Verbänden und Selektionen. Das gesamte Umfeld ist beteiligt und sollte dasselbe Ziel haben, nämlich, dass die betroffene Person durch verbesserte Energieaufnahme und oft auch mehr Erholung wieder in den gesunden Bereich kommt.

Der Weg dahin ist sehr individuell und umfassend. In der Regel muss das Training angepasst und die gesamte Lebenssituation überdacht werden. Wichtig ist es, dass über die Thematik gesprochen wird und dass man sich traut mögliche Betroffene darauf anzusprechen.

Je früher man mithilfe von Fachpersonen RED-S angeht, desto grösser ist die Chance, aus der Problematik wieder herauszukommen. Ebenfalls bedeutend ist die Sensibilisierung und Information der Bezugspersonen, Trainer und des Umfelds. Sie müssen wissen, dass ein zu geringes Gewicht langfristig schwere gesundheitliche Probleme verursachen kann.


Wer ist Medbase?

Medbase ist das grösste multidisziplinäre sportmedizinische Netzwerk der Schweiz und bietet spezialisierte sportmedizinische Dienstleistungen für Athletinnen und Athleten, Vereine und Sportverbände aller Aktivitätsstufen in den Bereichen Sportmedizin, Sportphysiotherapie, Leistungsdiagnostik und Trainingsberatung.

www.medbase.ch/sport/


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